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Delegation ukrainischer Agrarfachleute besucht Hof der Familie Gutjahr in Ensingen

Ivan Yatsenko (in Rot) berichtet seinen Landsleuten von seinem Praktikum im Ländle. Foto: B. Romanowski

Sibylle Gutjahr (links) und Irina Fomin. Foto: B. Romanowski

Dicht an dicht stellt Sibylle Gutjahr die Sektflöten nebeneinander auf, ihr Sohn Alexander hat derweil schon die Flaschen geöffnet und ihre Tochter Carina schenkt Glas für Glas ein von dem perligen Tropfen, während Vater Albrecht noch die ein oder andere Hand anlegt im Stall. Aufregung herrscht nicht auf dem Hof der Familie Gutjahr, aber eine Vorfreude ist spürbar.

Ensingen. Denn als Ensinger Landwirt hat man nicht jeden Tag eine Delegation ukrainischer Agrarfachleute bei sich zu Gast. Ivan Yatsenko ist schon ganz begierig, seinen Landleuten von seinen Erfahrungen als Praktikant bei den Gutjahrs zu berichten. Gegen Mittag ist es dann soweit: Der Bus mit den rund 30 Mitgliedern der ukrainischen Delegation, die im Rahmen der Reise an den Ortsrand von Ensingen eingeladen sind, hält vor dem Gutjahrschen Hof. Siegfried Schwab, seines Zeichens stellvertretender Vorsitzender des AKI (siehe Infokasten) spricht ein Grußwort, das auch gleich ins Russische übersetzt wird.

Irina Fomin, die seitens der AKI für die Organisation und Betreuung der Praktikanten aus den Ex-Sowjetrepubliken zuständig ist, begrüßt die Hofgäste ebenfalls freundlich. Als Vorsitzender des Kreisbauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg ist auch Eberhard Zucker bei dem Empfang der Ukrainer vertreten, die in ihrem Heimatland als ministerielle Mitarbeiter im Bereich Bildung, Wissenschaft und Agrarpolitik oder als Lehrkräfte verschiedener Fachschulen etwa für Tier-/Pflanzenproduktion, Veterinärmedizin und Landtechnik tätig sind. Sie alle sind im Rahmen der „Förderung der Berufsausbildung an landwirtschaftlichen Colleges in der Ukraine“ vom deutschen Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft zu einer zehntägigen Reise eingeladen worden, sich den agrartechnischen Stand der Dinge in der Bundesrepublik anzusehen und werden am 21. Oktober dann auch bei einem offiziellen Akt auf Mitglieder der Landes- und Bundesregierung treffen. Ganz so staatstragend ging es auf dem Hof der Gutjahrs nicht zu. Nach dem Sektempfang führte Albrecht Gutjahr die Gäste durch seinen Betrieb. Er bewirtschaftet rund 160 Hektar Äcker und Wiesen und mästet Bullen, vorzugsweise Fleckvieh. Er hat aber nicht nur eine Ausbildung als Landwirtschaftsmeister, sondern auch als Winzermeister absolviert und baut auf gut acht Hektar Land Wein an. Seine Frau Sibylle, die selber einer Bauernfamilie entstammt, verkauft den Ensinger Trollinger mit Lemberger unter anderem im Hofladen der Gutjahrs. Mit dem Sohn der beiden, Alexander, ist der Fortbestand des Betriebs gesichert: Er hat Agrarwissenschaften studiert und wird den Hof einmal übernehmen.

Das „temporäre“ Familienmitglied der Gutjahrs, Ivan Yatsenko, wird noch bis Mitte November seine Erfahrungen als Praktikant sammeln. Er ist 19 Jahre alt, stammt aus Charkiw (im Deutschen besser bekannt als Charkow) und vertieft während seiner insgesamt sechsmonatigen Zeit im Ländle seine Kenntnisse im Fach Agronomie, da er eigentlich Ökonom werden will. Er mache hier viele neue Erfahrungen, habe neue Freunde dazugewonnen, und es öffneten sich ihm neue Tore, sagt der junge Ukrainer, dessen Eltern – wie im Osten Europas nicht selten – Landwirtschaft zum Eigenbedarf betreiben: „Jetzt weiß ich, wie ich meinen eigenen Betrieb zuhause aufbauen muss.“

Wie er denn mit dem Essen im Schwabenland zurechtkomme, will der VKZ-Reporter noch wissen. „Der Geschmack der Speisen ist sehr gut. Umstellen musste ich mich nur ein bisschen, weil man hier mehrere Mahlzeiten am Tag serviert, aber die Portionen dann etwas kleiner sind. Sie sind auch nicht so fettreich wie bei uns“, berichtet Yatsenko. Irina Fomin erläutert als Projektleiterin die Vorgehensweise von Agrarkontakte International. In den Kooperationsländern der Organisation wie Russland, Ukraine und Kirgistan findet jeden Herbst eine Auswahl an Praktikumsbewerbern statt, die dann auch einen zweimonatigen Deutschkursus besuchen. Im Frühjahr findet erneut eine Auswahl statt. Wer dabei ist, wird dann nach Deutschland geschickt. Dort leben und arbeiten die jungen Leute aber nicht nur mit ihren Gastfamilien, sondern nehmen beispielsweise auch an Treffen und Exkursionen teil, die von AKI organisiert werden. „Das ist schon nicht so einfach, auch für die Familien nicht“, gab Kreisbauernchef Eberhard Zucker im VKZ-Gespräch zu bedenken.: „Das Zusammenleben mit den Praktikanten ist sehr eng. Die Gutjahrs machen das aber schon seit einigen Jahren. Das ist bemerkenswert.“ Schwierig sei nicht selten die Verständigung, wie Sibylle Gutjahr erzählt. Was nach nur zwei Monaten des Sprachlernens auch nicht unbedingt verwundere. Der sprachliche Alttag in schwäbischer Mundart macht es den jungen Gästen dann nicht gerade einfacher. „Oft geht es eben mit Händen und Füßen“, sagt die Hofherrin: „Wichtig ist das Interesse an der landwirtschaftlichen Arbeit“. Auch bei dem obligatorischen Berichtsheft in deutscher Sprache helfe man gern.

Von echten Problemen berichtet keiner, nur von Unterschieden die Kultur oder Mentalität betreffend. Etwas unheimlich war für Sibylle Gutjahr anfangs, dass die jungen Männer mitunter offenbar keine Unterwäsche und Socken trugen. Bis sie herausfand, dass die Jungmänner ihr zwar ihre Oberbekleidung zum Waschen rauslegten, es sich für deren Empfinden aber nicht schickte, auch Unterhose und Strümpfe der Gastgeberin zu überantworten. Diese hatten sie dann selbst gewaschen und irgendwo getrocknet.

Bei einem Praktikanten aus Dagestan, den die Gutjahrs bei sich hatten und der muslimischen Glaubens war, musste für den Umstand, dass die schwäbische Küche recht schweinefleischlastig ist, eine Lösung gefunden werden. Der Aki-Vizevorsitzende Schwab berichtet dazu im Plauderton von einem Dagestaner, der den Vater seiner Gastfamilie gefragt haben soll: „Warum hast du nur eine Frau? Mein Vater hat drei.“

Von Bernhard Romanowski Erstellt: 13. Oktober 2018

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